2018

Diese Sammlung von kleinen Erlebnisberichten und Anekdoten beruht ausschließlich auf persönlichen Erlebnissen. Sie erhebt keinen Anspruch auf vollständige Darstellung eines Landes, einer Volksgruppe oder eines beschrieben Menschen, so, wie es auch keine andere von einem Menschen über andere Menschen geschriebene Darstellung je tun sollte. Es handelt sich stets nur um aufgefangene Eindrücke, Momentaufnahmen und Interpretationen des Geschehens.

„Bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer anderen Welt.“

Arthur Schopenhauer

 

 

Über die Kunst des Wendens und Touristenstädte mit Ruhetag

Das erste Land auf der Reise ist erreicht – die Tschechische Republik. Voller Tatendrang umfahre ich Prag. Das liegt nur daran, dass ich erst kürzlich zum Weihnachtsmarkt dort war. Prag ist eine fantastische Stadt, die immer eine Reise lohnt!

So steure ich also Karlštejn an, um die Burg dort zu besichtigen. Ein Risiko, kleine Ortschaften auf der Suche nach einem zentralen Parkplatz zu durchfahren, liegt darin, sich hoffnungslos in kleinen Gassen zu verfahren. Und genau das passiert natürlich zu aller erst. Nach ein paar Seitenstraßen und einem Parkplatz-Schild folgend, stehe ich in einer winzigen Gasse, links Häuser ohne Gehweg, rechts Wassergraben und sehe den Parkplatz. Leider stehen drei massive Poller zwischen meinem Auto und dem Ziel. Genervt ziehe ich kurz einen Stärkevergleich zwischen dem Defender und den Pollern in Betracht, entscheide mich dann aber doch dagegen. Für mein Auto und weil man schließlich auf Reisen immer auch ein bisschen sein Land repräsentiert. Also dann – rückwärts, den Berg hoch, wieder raus aus der Gasse. Man wird bei solchen Reisen schnell sehr gut im Rückwärtsfahren und Wenden auf engstem Raum und auf jedwedem Untergrund.

Ein bisschen Stress ist es aber doch immer und so geht es direkt ins nächste Restaurant um die Aufregung bei einem Kaffee zu verdauen. Wer will schon zugeben sein Auto direkt am ersten Tag im Graben versenkt zu haben? Praktischerweise hat das Restaurant im Übrigen auch einen Parkplatz. So weit, so gut.

Leider stelle ich nach einer entspannten Kaffeepause fest, dass ich vergessen habe, Geld zu wechseln. Es wird in Tschechischen Kronen bezahlt und nicht in Euro. Das Kartenlesegerät ist natürlich kaputt. Ich denke schon darüber nach, wann ich meinen Abwaschdienst antreten kann. Doch der nette Restaurantbetreiber rechnet den fälligen Betrag kurzerhand in Euro um und mit etwas Trinkgeld sind am Ende doch noch alle zufrieden.

Auf die Frage nach dem Weg zur Burg sagt er nur: „Heute ist doch Montag“. Noch weiß ich was für ein Wochentag ist, schließlich bin ich erst gestern losgefahren. Irgendwann im Laufe der Reise ändert sich das allerdings. Nach kurzer Recherche ist klar, „Heute ist Montag“ bedeutet die Burg ist geschlossen. Und mit ihr das gesamte Dorf. Nichts hat offen, keine Menschen sind auf den Straßen, es fühlt sich an wie in einer Geisterstadt. Von irgendwo dudelt leise Musik, fehlen nur noch ein paar Steppenläufer (das sind diese Strohballen, die vom Wind getrieben werden). Den Schaufenstern der Shops nach zu urteilen, geht es hier den Rest der Woche sehr viel touristischer zu, aber – um dem Ganzen doch etwas Positives abzugewinnen – so kann ich meine Kamera immerhin mitten auf der menschenleeren Straße aufstellen. Und die Burg, vom Dorf aus betrachtet, ist imposant.

Über große Unterschiede und die kleinen Schwierigkeiten des Campings

Die kommunistische Vergangenheit hat viele Spuren in der Slowakei hinterlassen, aber der Wandel der ab 1989 einsetzte, ist überall zu erkennen. Der KGB Pub liegt in Bratislava, der Hauptstadt der Slowakei, direkt neben dem neuen Fast Food Burger Restaurant. Auf den Straßen sind vor allem viele jüngere Menschen unterwegs. Die Trams, die überall in der Stadt fahren, sind zwar alt, haben aber einen gewissen Charme. Sie passen irgendwie zur Stadt. Das Stadtschloss ist neu aufgebaut worden, mit schön angelegten Gartenanlagen und einer guten Sicht über die Stadt und die Donau. Es ist ein interessanter Besuch in einer Stadt, die die meisten vermutlich nicht auf ihrer Liste der zu besuchenden Städte haben.

Ein Nachteil des freien Campings ohne Campingplatz ist, dass die Schlafplatzsuche im Dunkeln häufig beschwerlich ist. Vor allem in der Nähe von größeren Städten, da die Umgebung hier oft noch weitläufig dicht besiedelt ist. So muss man dann oft noch eine Weile fahren, um in abgelegenere Gebiete zu gelangen. Gleichzeitig sind aber gerade in Städten oft die Abendstunden spannend: Das Licht ändert sich, Beleuchtungen werden eingeschaltet, das Leben wandelt sich von Arbeit zu Freizeit. Das Ergebnis ist ein völlig andere Atmosphäre.

So werfe ich, wie schon so oft, die Sorge um einen geeigneten Schlafplatz über Bord, um das nächtliche Bratislava zu erkunden. Der Preis dafür ist am Ende eine lange Fahrt durch eine von Feldern und Deichen geprägte Gegend (meist das eine links, das andere rechts) auf der Suche nach einem geeigneten Platz. Bestimmt anderthalb Stunden fahre ich durch eine dunkle Gegend ohne, dass sich ein Parkplatz oder ein verstecktes Plätzchen zeigt. Vielleicht hätte es auch Orte gegeben – leider sieht man sie im Dunkeln kaum. In dieser Situation auf einen Feldweg abzubiegen birgt immer das Risiko in einer matschigen Sackgasse zu landen, in der man dann im Dunkeln feststeckt oder irgendwie auf einen Deich zu gelangen, der so schmal ist, dass man nicht wenden kann (alles schon passiert und das Rücklicht ist in solchen Augenblicken natürlich auch kaputt). In der Ferne zucken kontinuierlich Blitze und ferner Donner rollt fast ohne Pause heran. Es gibt einen Punkt an solchen Abenden, an dem man so genervt ist, dass man so ziemlich jeden Platz nehmen würde. „So schlimm wird es schon nicht sein, einfach mitten auf der Straße zu parken oder? In dieser verlassenen Gegend kommt doch eh niemand vorbei. „, könnte man dann denken. Und dann taucht natürlich der einzige LKW im Umkreis von 50km, mit Flutlichtanlage auf dem Dach und einer Hupe mit der Lautstärke von zwei Kreuzfahrtschiffen hinter einem auf. Also gut – weiter geht’s. Am Ende habe ich doch noch ein wenig Glück. Schon daran vorbeigefahren, kehre ich wenig später um, um mir die Stelle noch mal genauer anzusehen und siehe da – ein kleiner Parkplatz für drei Autos direkt unterhalb des Deichs. Es steht sogar schon ein Camper dort. Sonst würde ich es eher vermeiden mich zu einem anderen Camper zu stellen, in diesem Augenblick ist es jedoch goldrichtig. Es heißt, dass jemand anderes diesen Platz auch als sicher für die Nacht einschätzt und das gibt ein sicheres Gefühl, wenn man die Umgebung nicht mehr sehen kann. Eine Weile schaue ich noch dem Gewitter zu, es scheint nicht näher zu kommen, aber die vielen Blitze sind spektakulär. Ein verdientes Naturkino nach dieser nervenaufreibenden Suche.

Über magische Abendstunden und ein Bierfestival

Der erste Teil der Reise entwickelt sich allmählich zum Städtetrip. Wie schon vorher beschrieben, hat das mit einem Camper so seine Tücken. Trotzdem möchte ich mir Budapest nicht entgehen lassen.

Es ist eine interessante Stadt voller Geschichte und alter Gebäude, die davon zeugen. In der beeindruckenden Markthalle kann man süßen oder mit Kraut gefüllten Strudel kosten, Langos nach Lust und Laune belegen lassen oder riesige Cocktails trinken. Auch bekommt man überall in der Stadt große „Chimneycake“ genannte Gebäcke – eine Mischung aus Waffel und Baumkuchen – gefüllt mit Eis, Sahne und Früchten oder Schokolade. Verhungern muss man hier definitiv nicht!

Gen Abend geht es hoch zum Stadtschloss und dann weiter zur Fischerbastei und der Matthiaskirche. Dort geht gerade die Sonne unter und die blaue Stunde bricht an. Ein fantastischer Kontrast zwischen dem tiefblauen Himmel und den weißen Steinen und den bunt gemusterten Dächern der Bastei und der Kirche entsteht. Kurze Zeit später wird die Beleuchtung an Schloss, Kirchen, Brücken und dem Parlamentsgebäude eingeschaltet. Der Himmel ist immer noch blau, von der Kettenbrücke aus kann man über die Donau die beleuchteten Brücken und Gebäude sehen – egal wie lange die Suche nach dem Schlafplatz heute dauert, dass war es wert!

Ungefähr 170 Kilometer weiter Richtung serbische Grenze liegt die Stadt Szeged. Hier gibt es eine Kathedrale, die eigentlich recht schlicht im Hinblick auf Dekoration ist, jedoch innen bunt und unglaublich beeindruckend bemalt ist.

Langsam fällt der Preisunterschied von Lebensmitteln zu Deutschland auf: Ein tolles Frühstück mit mehreren Kaffees, Kuchen, belegten Croissants und Gebäck in einer Bäckerei kostet nur ein paar Euro. Noch besser als das ist, dass zufällig genau an diesem Wochenende ein großes Bierfestival stattfindet. Durch die gesamte Innenstadt zeihen sich Stände die Essen, Bier und Wein anbieten. Ich probiere Orangen-Ingwer und Limetten Bier, esse Langos und einen gigantischen Chimney und genieße die fröhliche Atmosphäre. Ein toller Zufall!

Über die Gefahren von unbekannten Pfaden und die andere Seite der Stadt

In Serbien ändert sich vieles. Die Landschaft wird langsam hügeliger und die Menschen sind sehr gastfreundlich. Ich habe vorher darüber schon gelesen, aber die Realität war trotzdem überraschend. In keinem Land, das ich bisher bereist habe, wurde ich ähnlich herzlich begrüßt wie in Serbien und den folgenden osteuropäischen Ländern. Ich bin auf selbst gebrannten Quittenschnaps eingeladen worden, auf Kaffee und zum Frühstück. Die Verständigung wird langsam etwas schwieriger als bisher, vor allem mit englisch, dafür hat man mit deutsch oft gute Chancen. Die Antworten, die man auf Fragen bekommt, sind dafür umso engagierter. Es werden Bekannte oder Passanten zu rate gezogen und Begleitung bis zum gesuchten Ort angeboten.

Der anfängliche Eindruck von Belgrad wirkt auf mich eher abschreckend. Es gibt viele große Wohntürme in zumindest optisch renovierungsbedürftigem Zustand. Im Innenstadtbereich ändert sich das Bild aber zu einer unglaublich facettenreichen Umgebung. Es stehen moderne Gebäude direkt neben heruntergekommenen Plattenbauten. Schicke, neue Brunnen vor historischen Gebäuden und alte Trams tuckern durch die Straßen, vorbei an noch vom Krieg zerbombten Häusern. Wie auch in Budapest erwische ich mit meinem Besuch beim Dom des Heiligen Sava die blaue Stunde und auch hier wirken die weißen Steine toll gegen den Kontrast des dunkelblauen Himmels.

Einen der kritischsten Momente der Reise erlebe ich in der Schlucht von Čačak. Es dämmert bereits, deshalb habe ich es eilig noch einen geeigneten Schlafplatz zu finden bevor es zu dunkel wird. Ein häufig guter Anlaufpunkt für einen sicheren Platz sind Aussichtspunkte. Dort gibt es meist etwas abeglegene Parkplätze auf denen Nachts nicht viel los ist. Also entscheide ich im Dämmerlicht mein Glück bei einem solchen zu versuchen. Ich folge dem Pfad von der Straße ab den Berg hinauf. Bald wird die Straße zum Schotterweg und schließlich zur Buckelpiste. Ich brauche aber langsam wirklich einen Schlafplatz, deshalb fahre ich weiter. Der Weg wird schmaler, links geht es steil bergab, rechts bergan. Große Wurzeln zwingen den Wagen zu starken Verschränkungen, das Tempo liegt bei wenigen km/h. Dann entscheide ich, die Untersetzung einzuschalten. Langsam kommen mir Zweifel, doch ich treffe auf ein Pärchen, was aus der Richtung kommt, in die ich fahre. Ich frage nach dem Weg und sie versichern mir, es ginge dort weiter und es gäbe einen Platz zum stehen. Also weiter. Inzwischen sind auch die Scheinwerfer des Autos an, man sieht die Umgebung gerade noch so. Nach ein paar weiteren Biegen eng am Berg ist schließlich Schluss. Der Wanderpfad der noch übrig ist von der anfänglichen Straße windet sich in einer steilen Kurve nach rechts, die sowohl steil nach oben geht, als auch nach aussen zur Kante des Pfades stark gekippt ist. Der Wagen hängt mit mindestens 25 Grad Neigung Richtung Abgrund in der Kurve fest.

Ich lasse den Motor absterben, ziehe die Handbremse fest an und steige mit der Taschenlampe aus. Wenden kann man hier nicht, vorwärts fahren schon gar nicht, das würde die Neigung noch verstärken. Also bleibt nur eins: Rückwärts aus der Kurve und den Pfad zurück über Wurzeln und durch Schlammlöcher, bis zur nächsten Wendemöglichkeit. Das Anfahren muss jetzt sitzen, wenn der Wagen unkontrolliert zurückrollt oder im falschen Moment abwürgt, hält ihn nichts mehr auf dem Pfad. Auch zu eng darf die Kurve nicht genommen werden, sonst besteht die Gefahr, dass der Wagen in der Schräglage umkippt. Trotz eigentlich strapazierfähiger Nerven und Offroadtraining habe ich jetzt Angst, einen fatalen Fehler zu machen. Aber es hilft ja nichts – ich muss es versuchen. Also starte ich den Motor und löse die Handbremse, während ich die Kupplung kommen lasse. Langsam setzt sich der Wagen in Bewegung und rollt die Kurve zurück in eine geradere Position. Der Rest wirkt danach trotz Dunkelheit nur noch halb so dramatisch. Nach dem Wenden fahre ich noch über eine Stunde über stockdunkle Schotterpisten und Waldwege, bis ich es endlich aus dem Gebiet raus schaffe. Danach ist der Schlafplatz ziemlich egal und es geht ohne Abendbrot ins Bett. Das war definitiv genug für heute. Die Lehre daraus lautet nie wieder einem zweifelhaften Pfad so weit zu folgen, wenn die Dunkelheit schon hereinbricht.

Entschädigt werde ich für diese Strapazen schon am nächsten Morgen. Ich treffe beim Bewundern eines Hirschkäfers an einem Baum einen Mann mit seinen zwei Kindern. Er spricht mich auf deutsch an, er hat mein Autokennzeichen gesehen. Nach kurzem Gespräch lädt er mich auf einen serbischen Kaffee zu sich ein. Im Haus der Eltern seiner Frau verbringen er, seine Frau und ihre Schwestern ihren Urlaub. Es entsteht eine nette Unterhaltung, aus Kaffee wird ein ganzes Frühstück. Die Nachbarn werden auf das Auto aufmerksam und kommen vorbei um sich zu uns zu setzen. Da das nächste Ziel, der Kosovo, nicht weit ist, frage ich nach Tipps zum Besichtigen und zur Sicherheit.

Dabei kommt etwas Interessantes auf: Mir wird geraten, mich im Kosovo auf der Seite zu halten, wo vornehmlich serbische Bevölkerung wohnt, dort sei es sicher. Im Rest des Landes – mit albanischer Bevölkerungsmehrheit – jedoch wohl eher nicht. Das passiert umgekehrt in Albanien im Übrigen auch und es ist ein Phänomen, dass einem immer wieder auf Reisen begegnet. Der eigene Ort oder die eigene Bevölkerungsgruppe werden als sicher eingestuft, ein Dorf weiter oder bei einer andere Gruppe von Menschen (egal, ob religiös, örtlich oder politisch anders) könnte es aber gefährlich sein. Eigentlich schade, vor allem wenn man bedenkt, dass die Gastfreundschaft in Serbien wie auch in Albanien ansonsten so groß ist. Aber ein Krieg hinterlässt immer lange anhaltende, tiefe Spuren des Misstrauens und so auch hier.

Nach dem Frühstück mache ich mich schweren Herzens auf den Weg Richtung Kosovo, im Gepäck eine große Tüte selbst gepflückter Kirschen, Kekse und Joghurtdrink als Wegzehrung. Vielen Dank für diese wunderbar authentische Begegnung in Serbien!

Über gastfreundliche Menschen und die Überbleibsel eines Krieges

Auf den Kosovo bin ich gespannt. In dem erst seit zehn Jahren unabhängigen Land sind noch heute, fast 20 Jahre nach dem Kosovo Krieg, KFOR Truppen der NATO stationiert. Das Land ist bis heute u.a. von seinen Nachbarn Serbien und Bosnien&Herzegowina nicht diplomatisch anerkannt und man liest viel über organisierte Kriminalität und Armut. Das Auswärtige Amt warnt vor Spannungen vor allem im Norden des Landes (Stand 2018).

An der Grenze wird zuerst mal mein Ausweis einbehalten. Den würde ich erst wiederbekommen, wenn ich eine Versicherung für mein Auto vorlegen kann. Ich habe das Sternchen auf meiner grünen Versicherungskarte übersehen. Das weist darauf hin, dass nicht allgemein anerkannte Staaten vom Versicherungsschutz ausgeschlossen sind. Die Versicherung gibt es praktischerweise direkt nebenan und ich bekomme mein Dokument wieder.

Auf meinem Weg durch den Kosovo fallen zwei Dinge besonders auf:
Zum einen die Berge an Müll, die in allen Flüssen treiben, in der Natur herum liegen und übeall verbrannt werden. Immer wieder riecht es scharf nach verbrennendem Plastik und Abfall. Straßenschilder sind immer wieder durchlöchert von Schüssen, Häuser häufig nicht fertiggestellt. Es kommt diverse Male vor, dass ich ein Haus für unbewohnbar, für eine Bauruine, halte, bis ich die aufgespannte Wäscheleine davor sehe. Immer wieder begegnen einem gepanzerte Fahrzeug der KFOR Einheiten oder große weiße Zelte mit Hilfsgütern am Straßenrand. Es gibt viele wilde Hunde und die Straßen sind abseits der Hautstraße in einem erbärmlichen Zustand. Das ist die eine Seite des Kosovo. Umso überraschenden vielleicht die andere:

Wohin ich auch komme, es wird gewunken und gegrüßt. Der Kaffee, den ich in einem Restaurant bestelle, ist schon bezahlt als ich gehen möchte. Viele Menschen sprechen mich an, oft auch auf Deutsch, und erzählen mir von Verwandten in Deutschland, davon wie toll es dort ist. Immer wieder höre ich, wie schön es doch sei, dass ich in ihr Land gekommen bin, um es kennenzulernen. Ich möchte gerne einen Deutschen sehen, der in einem Supermarkt einen Kosovaren anspricht, um ihn in Deutschland zu begrüßen. Um ihm ein Abendessen anzubieten und sicherzustellen, dass es demjenigen im eigenen Land auch wirklich gut ergeht. Die Menschen hier sind vielleicht oft arm, doch sie meinen, was sie sagen, von Herzen. Bewundernswert!

Über das Überholen und Ankunftszeit-Vorhersagen vom Navigationsgerät

Albanien empfängt mit herzlichen Menschen und völlig verrückten Autofahrern. Direkt hinter der Grenze im Norden Albanien biege ich auf eine Piste ab, die abseits des Hauptverkehrsweges gen Süden führt. Die Strecke schlängelt sich am Rand einer Schlucht entlang, am Grund fließt der „Schwarze Drin“. Die Strecke ist zeitweise schmal und steinig, aber nicht unangenehm zu befahren. In Serpentinen geht es mal rauf, mal runter. Spannend wird es immer dann, wenn von hinten über die Holper-Piste ein uralter Golf in einem Tempo angeschossen kommt, dass man darin locker Milch zu Sahne schlagen könnte. Der will dann natürlich vorbei und zwar am liebsten direkt in der Kurve. Also heißt es vorsichtig an die unbefestigte Kante heranpirschen und den Anderen, der dafür auch schon mal mit einer Seite den Berg hochfährt, vorbei lassen. Dieses Prinzip gilt übrigens nicht nur für Golf-Fahrer, sondern auch für LKWs und Schulbusse.

Ein Vorteil der Pisten sind die guten Chancen auf einen abgelegenen Schlafplatz mit einer fantastischen Aussicht. Regelmäßig geweckt wird man nur von Kühen oder Schafen mit Glocken um den Hals, die sich in zur Verzweiflung treibender Regelmäßigkeit ab 5 Uhr morgens direkt vor dem Camper häuslich einrichten. Auch gern gesehen um diese Uhrzeit sind laute Kuh-Unterhaltungen zwischen Mutter und Kalb. Trotzdem entschädigt die Aussicht beim morgendlichen Kaffee dafür.

Ein Nachteil sind allerdings die Zeitangaben von Navigationsgeräten. Auf einer Piste zwischen Kukes und Peshkopia habe ich noch ca. die halbe Strecke vor mir. Das Navi verkündet fröhlich, ich befände mich auf einer Hauptstraße und würde noch eine halbe Stunde bis zum Ziel brauchen. Naja. Fast. Am Ende sind es ungefähr vier Stunden auf der von Bachläufen und Matschlöchern durchzogenen Strecke. Immer wieder steigt man aus, um das Gelände zu Fuß zu erkunden, bevor man einen Abzweig befährt, der womöglich verschüttet ist oder in einem See oder an einer Kante endet. Und so viel Spaß es auch machen kann schmalen Pfaden zu folgen, irgendwann hat man die Hoppelei gründlich satt und freut sich, es endlich wieder auf eine geteerte oder zumindest anständig geschotterte Straße geschafft zu haben. Hier können die Schlaglöchern zumindest das Auto nicht mehr komplett verschlucken. Die Erleichterung über eine „richtige“ Straße hält allerdings meist nicht lang an, bis das Abenteuer und der nächste spektakuläre Platz für die Nacht wieder auf eine Piste rufen.

So durchquere ich den spärlich besiedelten Norden Albaniens durch die Berge. Immer wieder treffe ich dabei auf Dörfer, in den ich die kleinen Shops besuche, um Vorräte aufzufüllen. Die meisten dieser Shops sind Raumwunder von denen sich Ikea eine Scheibe abschneiden könnte. Auf maximal 3 Quadratmetern stapelt sich alles was das Herz begehrt: Lebensmittel, frisch oder abgepackt, Essen aus dem Tiefkühler (z.B. häufig komplette Hühner, lose rein geworfen) oder dem Kühlschrank, Süß- und Backwaren, Drogerieartikel und kleinere Elektronik. Und egal in welches Dorf ich auch komme, überall werde ich freundlich begrüßt und zu Kaffees eingeladen, jeder kennt jemanden in Deutschland oder hat selbst schon einmal dort gelebt. Viele sprechen mehr oder weniger gut Deutsch und alle wollen es gern zeigen. Kinder winken schüchtern, einmal habe ich einen Kirschbaumzweige mit Kirschen daran durch das Fenster geschenkt bekommen. Den habe ich im Übrigen dann Abends vorne an den Wagen gesteckt, um ihn nicht einfach wegzuwerfen. Das war allerdings ein wenig kurz gedacht, denn am nächsten Morgen um fünf ereignete sich – wohl ermutigt durch den leckeren Kirschzweig – wieder oben genanntes Kuh-Phänomen.

Über wundervolle Landschaften und die Tücken des Strandcampings

Im Süden Albaniens und in Richtung der Küste wird es etwas touristischer. In Korca passe ich zufällig den spannendsten Tag des Jahres ab – den Karneval. Ich bleibe noch lange und beobachte das Getümmel von Teilnehmern des Umzug aus diversen Ländern und den Menschen der Umgebung auf dem Dorfplatz. Im Dunkeln suche ich mir einen Schlafplatz auf einer abgelegenen kleinen Ebene an einem Berg. Früh morgens wache ich von einem nicht abreißen wollenden Strom von Unterhaltungen und Gelächter auf und stelle fest, dass mein Parkplatz direkt auf einer beliebten Pilgerroute, den Berg zu einer kleinen Kirche, liegt. Niemand stört sich daran, man läuft vorbei und schaut neugierig, aber schlafen lässt es sich so nicht mehr. Also pilgere ich mit den Berg hinauf, um mir die Kapelle anzuschauen und werde mit einem traumhaften Ausblick über die Stadt Korca belohnt.

Auch Gjirokaster mit seinen alten, traditionellen Häusern und mit Steinplatten gedeckten Dächern ist lohnenswert. Die Umgebung mit sehr gleichmäßig zerklüfteten, sanft ansteigenden Bergen ist wunderschön, nachts beobachte ich aus meinem Auto Glühwürmchen ihre Bahnen unter dem Sternenhimmel ziehen. Auf der Strecke gen Süden liegt auch ein sogenanntes blaues Loch, das „Blue Eye“, eine Wasserquelle, aus der unaufhörlich glasklaren Wasser in riesigen Mengen strömt. Es sind ca. 6000 Liter in der Sekunde und niemand konnte bisher ergründen, wo genau das Wasser eigentlich herkommt. Ganz im Süden liegt Butrint, eine alte Ruinenstadt, mindestens aus dem zehnten Jahrhundert vor Christi, möglicherweise sogar noch älter. Sie zählt zum UNESCO Weltkulturerbe. Anders als in anderen Ländern ist hier fast nichts abgesperrt, man kann überall hingehen, überall heraufklettern und alles anfassen. Das ist spannend als Besucher, dem Erhalt von Butrint allerdings vermutlich nicht unbedingt förderlich. Landschaftlich höchst beeindruckend ist auch der Llogara National Park mit seinem 1027 Meter hohen Llogara-Pass. Die Straße – an der Küste übrigens bedeutend besser als im bergigen Hinterland – führt auf kürzester Strecke weit hinauf, der Weg belohnt mit einem weiten Blick über das Meer und die Küste. Ein Stück weiter nördlich enlang sehe ich an der Küste zum ersten Mal in meinem Leben wilde Flamingos.

Die letzte Nacht in Albanien verbringe ich auf einem schwarzen Sandstrand. Der Platz ist hart erarbeitet, weil ich um dorthin zu gelangen mit meinem Spaten tiefe Fahrrillen aufschütten musste, die ich dann vorsichtig mit Unterlegkeilen stabilisiert und schließlich überquert habe. Belohnt werde ich dafür mit einem Sonnenuntergang und der Möglichkeit einem Fischer dabei zuzusehen, wie er am Strand mit seinem Roller von Reuse zu Reuse fährt, um sie zu prüfen. Ein harmonisches Bild. Am nächsten Morgen allerdings wache ich von brütender Hitze im Auto auf. Es ist in diesem Sommer überall heißer als im Durchschnitt und für meinen Strand in Albanien bedeutet das ungefähr 33 Grad im Schatten. Nur leider gibt es weit und breit keinen Schatten. Ich trete zunächst die Flucht Richtung Wasser an, um mich dort ein wenig abzukühlen. Die Sonne brennt erbarmungslos und kein Lüftchen regt sich. Ich lasse die Türen weit offen, um die Hitze der Nacht aus dem Wagen zu lassen. Nachdem ich ein paar Muscheln gesammelt habe, kehre ich in der Hoffnung, jetzt frühstücken zu können, zum Wagen zurück. In der Zwischenzeit ist der Schatten, den mein Auto spendet, allerdings auch anderen aufgefallen: Heerscharen von kleinen, beißenden Fliegenviechern haben Einzug gehalten und residieren nun an Fenstern, Schränken und der Decke. Ohje. Da bleibt nicht viel – Fenster und Türen müssen geschlossen werden und die Jagd auf die Plagegeister wird eröffnet. Unnötig zu erwähnen, dass die Temperatur im Auto innerhalb kürzester Zeit problemlos jeder Sauna Konkurrenz macht. Nachdem irgendwann die meisten Fliegen beseitigt sind, bin ich klatschnass und fix und fertig. Anstatt des geplanten Frühstücks steige ich ein und verlasse den Strand fluchtartig, um mir im nächsten Supermarkt das größte Eis, das ich finden kann, zum Frühstück zu kaufen. Und die Moral von der Geschicht‘: Fahre ohne Insektennetze nicht.

Über selbstgebrannten Schnapps und einen Gewittersturm

In Montenegro geht es von Podgorica direkt weiter Richtung Budva. In einer Bucht erspähe ich einen steilen Pfad, der zu einem kleinen, unbenutzten Anleger führt – ein guter Platz für die Nacht. Ich stelle mich seitlich an die Stufen, die zur kleinen Plattform herunterführen. Nach einer Weile höre ich, dass sich ein anderes Auto den steilen Pfad herunter quält. Kurz darauf steigen drei Männer aus. Einer kommt auch mich zu und fängt an, wild zu gestikulieren und dabei immer wieder laut „leave, go“ zu sagen. Viel mehr englisch spricht er offenbar nicht. Ich stelle mich verständnislos – so schnell möchte ich den schönen Platz nicht aufgeben. Kurz darauf kommt einer der anderen Männer dazu. Er spricht besser englisch und erklärt, sie wollen hier Nachtfischen gehen. Sie hätten eine Menge Ausrüstung, aber das sei gar kein Problem, sie könnten sie auch ein Stück weiter tragen. Nachdem ich nun also weiß, dass es nicht darum geht, mich von diesem Platz zu vertreiben, mache ich natürlich gerne den vordersten Platz am Anleger frei und setzen meinen Wagen ein Stück den Weg hoch in eine breite Kurve. Um danach sicher zu gehen, dass jetzt alles in Ordnung ist, nehme ich mir eine Packung Kekse und gehe noch einmal zurück, um sie den Hobbyfischern anzubieten. Das kommt gut an und im Austausch gegen meine Kekse werde ich energisch überzeugt, den selbst gebrannten Schnaps aus einem Flachmann zu kosten. Da den Männer ihr Augenlicht anscheinend noch nicht abhanden gekommen ist, beschließe ich, dass es wohl ungefährlich ist den Schnaps zu kosten und tue ihnen diesen Gefallen. Ich unterdrücke ein Schaudern – ich bin kein großer Fan von scharfem Schnaps – und erkläre, wie lecker der Selbstgebrannte sei. Damit ist alles gut und jeder kann beruhigt seiner Wege gehen.

In dieser Nacht bin ich heilfroh, dass ich etwas weiter oben auf dem Pfad stehe. Was als lauer, friedlicher Abend begann ändert sich in der Nacht dramatisch. Ein Unwetter zieht über Budva hinweg. Das Meer tobt gegen den Anlieger, die Wellen schwappen immer wieder bis zu meinem alten Parkplatz an den Stufen. Es donnert und blitzt ohne Pause, das Licht wirkt wie ein gigantisches Stroboskop. Der Regen prasselt heftig auf das Wagendach und ich schaue mit der Taschenlampe nach draußen, um mir den Zustand des Weges anzusehen, auf dem das Auto steht. Ich habe Zweifel daran, dass ich im Dunkeln, mit diesem Regen und bei aufgeweichtem Untergrund den Weg hochkommen würde. Ich müsste es rückwärts versuchen, denn so hat der Wagen mehr Kraft. Ich beobachte eine Weile: Das Wasser schießt wasserfallartig den Weg hinunter, doch der Boden scheint zum Glück stabil. Dafür fällt mir ein merkwürdig plätscherndes Geräusch auf, dass aus dem Auto selbst zu kommen scheint. Ich beginne mit der Ursachenforschung und stelle schnell fest, dass ich einen Wasserfall im Auto habe. Er kommt irgendwo hinter den Gas- und Bremspedalen heraus und prasselt munter in den Fußraum des Fahrersitzes. (Natürlich habe ich dort am Abend kleine Geschenke und Kekse in Pappverpackung für die Nacht verstaut.) Zum Glück sind aber zumindest die Löcher zwischen Tür und Boden genauso groß wie die oberhalb der Pedale und so fließt das Wasser aus einem kleinen Fußraumstausee auch wieder ab. So ist das eben mit Defendern – was soll man machen?

Über Wissenslücken und die Stadt Mostar

Hinter der Grenze bin ich zunächst überrascht. Auf der Karte stand doch eindeutig, dass das nächste Land in meiner Richtung Bosnien-Herzegowina ist? Warum genau hängen dann hier überall Fahnen, die so ähnlich aussehen wie die rot-blau-weiß gestreifte serbische, und wieso bitte steht überall etwas von Republika Srpska? Und überall ist die kyrillische Schrift zu sehen – wo bin ich hier gelandet? Erst Google hilft weiter: Ich befinde mich in einem Gebiet, dass zwar in Bosnien-Herzegowina liegt, aber eine eigenständige Entität bildet. Ich lese weiter und stelle fest, wie wenig man über die Länder in seiner unmittelbaren Umgebung weiß, vor allem über die osteuropäischen. Eigentlich merkwürdig, liegen sie doch mitten in Europa und sind so unmittelbar mit allen anderen europäischen Ländern verknüpft.

In der Stadt Mostar nimmt der Tourismus wieder andere Dimensionen an, als in den letzten Wochen in vorangegangenen Ländern. Die kleinen Läden der schmalen Gassen sind vollgestopft mit typischen Souvenirs. Die Preise in den schön gelegenen Restaurants am Fluss gleichen fast schon wieder den deutschen. Trotzdem ist das Zentrum von Mostar um die Stari Most, eine Brücke, die zum UNESCO Weltkulturerbe zählt, hübsch. Vor allem, wenn man es erst gen Abend besichtigt, wo die Läden zwar geschlossen sind, aber auch der Trubel und die Touristenströme langsam abnehmen. Dann kann man ungestört durch die kleinen Gassen wandeln und sich dabei ein- oder zweihundert Jahre zurückdenken.

Eine kleine Oase ist der Wasserfall von Kravice: Das Wasser ist türkis und glassklar, man kann kleine Fische beobachten, schwimmen oder sich in einem Boot zu einer kleinen Insel übersetzen lassen. So leer wie in Albanien oder Serbien ist es auch hier nicht und der Eintritt kostet umgerechnet etwa 2 Euro, dafür kann man eine kleine Bahn vom Parkplatz hinunter zum Wasserfall nehmen – der Ausflug lohnt sich auf jeden Fall!

Über Camping in Touristengegenden und unerwartete Bekanntschaften

In Kroatien entpuppt sich die Hoffnung einen schönen Schlafplatz an der Küste oder sogar am Strand zu finden als Albtraum. Die Landschaft ist wunderschön, die Berge treffen eindrucksvoll fast direkt auf das Meer. Die Straße schlängelt sich an der Küste von Bucht zu Bucht. Das Meer ist türkis-blau und beeindruckend klar. Doch die gesamte Küste zieht sich eine ununterbrochene Reihe von Hotels, Apartmenthäusern und Campingplätzen hinunter. Das macht es zum Problem, eine zumindest etwas abgelegene, versteckte Stelle zu finden.

Über 150 Kilometer folge ich der Küstenstraße ohne Erfolg. Nach etlichen Stunden Suche bin ich kurz vor dem Aufgeben. Schließlich fahre ich auf eine vorgelagerte Insel und finde am Ende eines Schotterwegs in kniehohem Gestrüpp einen Platz gegenüber eines leerstehenden Häuschens. Immerhin die Aussicht ist hübsch. Das scheinen allerdings auch die Mücken so zu sehen und wo Mücken sind, sind auch Spinnen. Und bei dieser Anzahl von Mücken haben die Spinnen eine kapitale Größe erreicht. Ich komme mit dem ausgestreckten Arm aus Versehen an ein Netz als ich dem Pfad folge, der Faden ist fest wie ein Haar und gibt ein knackendes Geräusch von sich, bevor er zerreißt. Urgh- camping härtet durch aus ab, aber das ist mir zu viel. Die Nacht ist drückend heiß, kein Wind regt sich, aber in dieser Nachbarschaft Fenster oder sogar Türen offen lassen? Ein Bad im kühlen Meer am Morgen muss es richten.

Der Eintritt zu einem Wasserfall, den ich besuchen möchte, kostet 15€! Ich drehe kopfschüttelnd ab und beschließe – aus der Erfahrung des vorangegangenen Tages lernend – meine Schlafplatzsuche einfach früher zu beginnen. Nach einer Weile finde ich einen abgelegenen Pier unterhalb eines halb fertig gestellten Gästehauses. Ein schöner Ort, ruhig und ein wenig abgelegen, nur über eine Schotterpiste zu erreichen. Nach einer Stunde allerdings, die Sonne steht schon tief über dem Horizont, biegt plötzlich ein gigantischer Camper um die Ecke, um sich zu mir zu gesellen. So viel zum Thema abgelegen, aber so ist das eben, wenn man frei steht – jeder kann dazu kommen. Und so trudelt wenige Minuten später ein weiterer Camper auf dem Pier ein. Der ist sogar noch größer als der erste. Ich habe Respekt davor, dass die zwei Riesen den Weg über den Schotterpfad geschafft haben und parke um, damit die zwei zusammenstehen können. Es wird ein netter Abend mit zwei französischen Pärchen, einem Hund und sehr leckerem, selbstgemachten Erdbeerlikör. Es werden Tipps für die kommenden Länder geteilt, denn sie und ich sind genau entgegengesetzt unterwegs. Die Kommunikation ist allerdings ausbaufähig, da das Englisch der Franzosen eher beschränkt ist. Wie stellt man nun also pantomimisch eine UNESCO Weltkulturerbe Brücke oder einen schönen Strand zum campen dar? Willkommen beim Real-Life Tabu.

Über beeindruckende Höhlensysteme und keine Erwartungen

Slowenien ist das vorletzte Land auf meiner Reise und ich habe mir bisher kaum Gedanken darüber gemacht. Es ist kein bewusst gewähltes Land, dass ich besuchen möchte, sondern eher ein Durchgangsland, um eben von Kroatien nach Österreich und Deutschland zu kommen. Ohne Gedanken dazu gibt es natürlich auch keine Erwartungen und wie so oft auf Reisen ist das die beste Voraussetzung für eine Überraschung!

Das Land präsentiert sich mit spektakulärer Landschaft, die besichtigte Škocjan Höhle mit Tropfsteinen und riesiger, unterirdischer Schlucht sind beeindruckend. Am Boden der Schlucht in der über 100 Meter hohen Höhle tobt ein Fluss, um die Scheinwerfer die sich den gesamten Weg an der Wand her Höhle entlang ziehen, bildet die feuchte Luft mystisch wirkende Heiligenscheine. Leider ist Fotografieren hier verboten.

Auch auf dem weiteren Weg durch Slowenien kann ich mich kaum sattsehen an den Hügeln, die allmählig zu Bergen übergehen. Ganz besonders fallen mir auch die Flüsse und Seen ins Auge: Ihre zumeist kräftig türkise Farbe wirkt fast, als ob das Wasser gefärbt sei, ist aber überall zu sehen. Insbesondere die Seen sind dunkel türkis, aber auch die Bäche variieren je nach Tiefe und Wassermenge in den unterschiedlichsten Hellgrün bis Türkis-Tönen. Ich nehme mir fest vor, hierher bald mit mehr Zeit im Gepäck zurück zu kommen. Ich höre von weiteren Höhlen, die besichtigt werden können, der Hauptstadt Ljubljana und fast jeder Picknickplatz den ich passiere, lädt zum Verweilen und Übernachten ein. Auch die Temperaturen haben sich wieder auf angenehme 25 Grad eingependelt – was für ein Paradies.

Über Zeitmanagement und das Ende der Reise

Für Österreich habe ich am Ende meiner Tour leider nicht mehr so viel Zeit, wie ich es gerne hätte. Das passiert fast immer, wenn man längere Zeit unterwegs ist. Es gibt so viele mögliche Ziele unterwegs, dass die Auswahl immer schwer fällt und am Ende braucht man jedes Mal länger als gedacht.

Auch in Österreich gäbe es viel zu sehen: Tolle Berglandschaften, Städte und mehr. Schnell wird allerdings klar, dass es kein preiswertes Vergnügen ist, Österreich mit dem Auto zu durchqueren. Vor allem, wenn man nicht genau weiß, wo die nächste Mautstrecke beginnt oder sehr gut unterwegs aufpasst. Dann steht man immer wieder vor der Entscheidung, ob man die – für mein Gefühl – oft horrenden Mautgebühren bezahlt oder umdreht und 20 Kilometer wieder zurück fährt, um die Umfahrung zu nehmen. Und die Mautstrecken müssen zusätzlich zur schon erworbenen Plakette bezahlt werden!

Das letzte bisschen Zeit bevor ich zurück muss verwende ich auf einen Offroad Pfad in der Nähe des Groß Glockner und einen Abstecher ins Zillertal. Der Pfad verläuft an hübschen kleinen Dörfern und Almhütten vorbei, Kühe grasen friedlich auf den Weiden – ein Postkarten-Österreich. Auch das Zillertal lohnt den Besuch. Die eigentlich geplante Strecke zum Schlegeisspeicher kann ich leider mangels Bargeld (die Straße kostet natürlich etwas) nicht befahren, aber auch der Weg durch das Tal bis zum Kassenhäuschen ist hübsch. Eine Weile schaue ich noch Kletterern zu, die ihren Weg auf einen großen freistehenden Gesteinsbrocken suchen. Dann ist es schließlich soweit – schweren Herzens mache ich mich mit meinem treuen Gefährt auf den Heimweg. Bis zum nächsten Abenteuer!